Umgang mit ängstlichem Bindungsstil

 

In meiner Praxis begegne ich immer häufiger Paaren, bei denen ein:e Partner:in einen ängstlichen Bindungsstil hat und mit einer starken Angst vor Zurückweisung kämpft. Diese Dynamik ist keineswegs selten, denn der ängstliche Bindungsstil spielt in vielen Beziehungen eine zentrale Rolle. Die damit verbundenen Herausforderungen sind vielfältig und können das emotionale Gleichgewicht in einer Partnerschaft erheblich beeinflussen.

Liebe ist facettenreich, und Beziehungen verlaufen selten perfekt. Das Verständnis und die Akzeptanz des ängstlichen Bindungsstils deines Partners oder deiner Partnerin können der Schlüssel zu einer erfüllenden Verbindung sein, die den Bedürfnissen beider Seiten gerecht wird. Während die Liebe zu jemandem mit einem ängstlichen Bindungsstil Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert, sind die Belohnungen – eine tiefere emotionale Verbindung und gegenseitiges Vertrauen – die Mühe wert.

 

Der ängstliche Bindungsstil ist eine von drei Formen unsicherer Bindungsmuster

Die Bindungstheorie, entwickelt von John Bowlby und später durch Mary Ainsworth erweitert, beschreibt die Bedeutung frühkindlicher Bindungserfahrungen und deren Einfluss auf das emotionale und soziale Verhalten im Erwachsenenalter.

Ein ängstlicher Bindungsstil ist häufig das Ergebnis von inkonsistentem elterlichen Verhalten, das dem Kind widersprüchliche Signale sendet. Diese Bindungsdynamik kann langfristig zu Herausforderungen in Beziehungen und im Selbstwertgefühl führen.Trotz der Schwierigkeiten ist es möglich, im Verlauf des Lebens einen sicheren Bindungsstil zu entwickeln.

Bindungstheorie: Ein Überblick

Die Bindungstheorie beschreibt die zentrale Rolle, die Bezugspersonen in der emotionalen Entwicklung eines Kindes spielen. Bindung dient der Regulation von Nähe und Sicherheit und ist ein evolutionär angelegtes System, das das Überleben des Kindes sichern soll. Die Qualität dieser Bindung hängt von der Sensibilität und Verlässlichkeit der Bezugspersonen ab.

Kinder, deren Bezugspersonen warm, konsistent und feinfühlig auf ihre emotionalen Bedürfnisse reagieren, entwickeln in der Regel einen sicheren Bindungsstil. Diese Kinder lernen, dass ihre Bedürfnisse berechtigt sind und dass Beziehungen auf Verlässlichkeit und Unterstützung basieren.

Hingegen erleben Kinder mit unsicheren Bindungsstilen eine inkonsistente oder inadäquate Reaktion auf ihre emotionalen Bedürfnisse. Der ängstlich-ambivalente Bindungsstil entsteht, wenn die Reaktionen der Bezugspersonen widersprüchlich oder unvorhersehbar sind.

Ursachen des ängstlichen Bindungsstils

Die Forschung zeigt, dass insbesondere zwei elterliche Verhaltensweisen zur Entwicklung eines ängstlichen Bindungsstils beitragen:

Inkonsistente elterliche Reaktionen  

Eltern, die in manchen Momenten feinfühlig und unterstützend sind, in anderen jedoch abweisend oder emotional nicht erreichbar, erschweren es dem Kind, ein klares Verständnis von Sicherheit und Verlässlichkeit in Beziehungen zu entwickeln. Diese Inkonsistenz führt zu Unsicherheit und verstärktem Bindungsverhalten – das Kind klammert stärker an die Eltern, um deren Aufmerksamkeit zu sichern.

Emotionale Bedürftigkeit der Eltern 

Eltern, die ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen, nutzen ihre Kinder unbewusst als Quelle emotionaler Stabilität. Solche Eltern können übermäßig kontrollierend oder überfürsorglich sein. Dieses Verhalten vermittelt dem Kind die Botschaft, dass Beziehungen mit Unsicherheit und emotionaler Abhängigkeit verbunden sind.reislauf aus Nähe und Distanz gefangen, der schwer zu durchbrechen ist.  

 

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Ein Fallbeispiel: Ein Vater und seine Tochter

Um die Entwicklung eines ängstlichen Bindungsstils zu veranschaulichen, betrachten wir folgendes Beispiel:

Paul, ein alleinerziehender Vater, hat eine Tochter, Anna, im Alter von fünf Jahren. Paul liebt seine Tochter zutiefst, hat jedoch selbst in seiner Kindheit einen ängstlichen Bindungsstil entwickelt. Aufgrund seiner eigenen Bindungserfahrungen schwankt sein Verhalten zwischen übermäßiger Nähe und emotionaler Abwesenheit.

Paul verbringt viel Zeit mit Anna, aber er neigt dazu, sie zu stark in seine eigenen emotionalen Bedürfnisse einzubeziehen. Wenn er sich unsicher oder gestresst fühlt, sucht er Trost bei Anna, indem er sie überfordert oder sie dazu ermutigt, für sein Wohlbefinden verantwortlich zu sein. In anderen Momenten zieht sich Paul emotional zurück, insbesondere wenn er mit seiner eigenen Unsicherheit konfrontiert wird. Diese Inkonsistenz verwirrt Anna.

Anna zeigt daraufhin typische Verhaltensweisen eines Kindes mit ängstlichem Bindungsstil:

  • Verstärkte Klammertendenz: Sie sucht ständig die Nähe ihres Vaters und hat Angst, ihn zu verlieren.

  • Überangepasstes Verhalten: Sie bemüht sich, Pauls Stimmung zu lesen und entsprechend zu reagieren, um seine Zuneigung zu sichern.

  • Emotionale Unsicherheit: Sie wirkt nervös, wenn Paul abwesend ist, und zeigt große Angst, ihn zu enttäuschen.

Ängstliche Bindungsstil gehört zum hyperaktivierten Bindungssystem

Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil neigen dazu, stark auf das Bindungssystem zu reagieren, was sich in ausgeprägten Bemühungen um Nähe und Aufmerksamkeit zeigt. Typische Verhaltensweisen in diesem Zustand sind:

  • Starkes Nähebedürfnis: Eine intensive Sehnsucht nach emotionaler und physischer Nähe zum Partner.

  • Angst vor Ablehnung: Ständige Sorgen, nicht genug geliebt oder verlassen zu werden.

  • Klammern: Übermäßiges Festhalten am Partner, um Sicherheit und Bestätigung zu bekommen.

  • Bedürfnis nach Bestätigung: Ständiges Suchen nach Zeichen der Zuneigung und Liebe, um Unsicherheiten zu reduzieren.

  • Idealisierung der Bindungsperson: Den Partner oder die Partnerin überhöhen, was zu einer verzerrten Wahrnehmung führen kann.

  • Neid, Eifersucht und zwanghafte Sorgen: Angst vor Konkurrenz oder Verlust des Partners, oft begleitet von emotionalen Überreaktionen.

Das überaktive Bindungssystem beschreibt ein inneres Muster, das bei Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil häufig zu finden ist. Es zeigt sich in den folgenden Punkten:

Kernelemente des überaktiven Bindungssystems und Bezug zum ängstlichen Bindungsstil:

1. Latentes Hungergefühl nach Bindung

 Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil haben oft das Gefühl, in der Kindheit nicht ausreichend emotionale Sicherheit und Bindung erfahren zu haben. Dieses ungestillte Bedürfnis hinterlässt einen "Bindungshunger", der sie ständig auf der Suche nach Bestätigung und Nähe hält.

2. Schwierigkeiten, allein zu sein

   Das Alleinsein wird von Betroffenen als existenziell bedrohlich empfunden. Sie fühlen sich ohne den Kontakt zu anderen unsicher und unruhig, da ihnen das Gefühl von innerer Sicherheit fehlt. Das führt dazu, dass sie sowohl den Kontakt zu anderen als auch zu sich selbst meiden.

3. Panikartige Reaktionen bei Verlustängsten

   Menschen mit einem überaktiven Bindungssystem neigen dazu, auf Distanz oder vermeintliche Zurückweisung mit intensiver emotionaler Not zu reagieren. Sie fühlen sich schnell existenziell bedroht und entwickeln "Alles-oder-nichts"-Denkmuster.

4. Übermäßige Fokussierung auf andere

   Sie richten ihre Aufmerksamkeit stark nach außen und auf die Bindungsperson. Dabei versuchen sie, durch Nähe und Kontrolle den gefühlten Bindungsverlust zu verhindern. Diese starke Fixierung auf die Zuwendung von außen führt dazu, dass sie den Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen verlieren.

5. Angst vor Selbstverlust

   Die Furcht, verlassen zu werden, ist so groß, dass sie dazu führt, dass Betroffene fast ausschließlich darauf fokussiert sind, Beziehungen aufrechtzuerhalten. Das kann sich in anklammernden oder übermäßig fordernden Verhaltensweisen äußern.

Das überaktive Bindungssystem verstärkt die emotionale Abhängigkeit von anderen und führt häufig zu:

  • Hohes Stressniveau, da die Angst vor Zurückweisung oder Verlassenwerden allgegenwärtig ist.  

  • Erschöpfung, weil die emotionale Regulation stark von der Reaktion der Bindungsperson abhängt.  

  • Mangelndes Selbstvertrauen, da die Fähigkeit fehlt, innere Sicherheit unabhängig von anderen zu entwickeln.  

Ein wichtiger Schritt für Betroffene ist, die Aufmerksamkeit wieder auf ihre eigenen Bedürfnisse zu lenken und Strategien zu entwickeln, um innere Stabilität zu fördern – unabhängig von der Verfügbarkeit oder Reaktion anderer.


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Was ist ein Bindungssystem?

Das Bindungssystem ist ein neurobiologisches und psychologisches System, das dazu dient, emotionale Nähe und Sicherheit in zwischenmenschlichen Beziehungen zu gewährleisten. Es entwickelt sich früh in der Kindheit und wird durch die Interaktionen zwischen einem Kind und seinen primären Bezugspersonen geprägt. 

  • Sicherheit und Regulation: Das Bindungssystem wird aktiviert, wenn ein Kind ein Bedürfnis nach Nähe, Schutz oder Beruhigung verspürt (z. B. bei Angst, Hunger oder emotionalem Stress). Wenn die Bezugsperson auf diese Bedürfnisse feinfühlig reagiert, wird das Nervensystem des Kindes beruhigt, und es entwickelt Vertrauen in die Beziehung und in die Umwelt.

  • Co-Regulation: Der Begriff beschreibt die Fähigkeit der Bezugsperson, das Nervensystem des Kindes durch ihre Präsenz und Reaktion zu stabilisieren. Unsere Nervensysteme kommunizieren miteinander, auch ohne Worte. Eine stabile und ausgeglichene Bezugsperson hilft dem Kind, seine eigene Dysregulation (z. B. Stress oder Anspannung) zu bewältigen.

Entwicklung und Bedeutung eines sicheren Bindungssystems

Wenn ein Kind zuverlässig erlebt, dass seine Bedürfnisse wahrgenommen und erfüllt werden, wird sein Bindungssystem „flexibel“ und stabil. Es lernt, Vertrauen in seine Beziehungen und in die Welt zu entwickeln.

Diese Sicherheit ermöglicht es dem Kind, neben dem Bedürfnis nach Bindung ein weiteres Grundbedürfnis zu entwickeln: Exploration. In einem Zustand von Sicherheit wird das Kind neugierig und beginnt, die Welt zu entdecken. 

Ein stabiles und reguliertes Nervensystem der Bezugsperson wirkt sich beruhigend auf das Kind aus. Das Konzept der Co-Regulation beschreibt diesen Prozess. Stress und Dysregulation können „ansteckend“ sein, aber ebenso ansteckend ist ein Zustand von Balance und Sicherheit.

Das Bindungssystem ist also ein innerer Kompass, der uns dabei hilft, Nähe, Sicherheit und emotionale Regulation zu suchen und zu finden. Es prägt unsere Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten, mit Stress umzugehen und uns sicher in der Welt zu fühlen. Ein gut funktionierendes Bindungssystem ist die Grundlage für gesunde zwischenmenschliche Beziehungen und persönliches Wachstum.

Fazit und Interventionen

Ein ängstlicher Bindungsstil ist keine psychische Störung, sondern ein Ausdruck früher Bindungserfahrungen. Mit geeigneten Interventionen, wie Therapie (z. B. bindungsorientierte Ansätze) oder dem Aufbau sicherer Beziehungen, können Betroffene lernen, emotionale Sicherheit und Autonomie zu entwickeln.

 
Paartherapeutin Louisa Scheel

Ich bin Louisa Scheel und arbeite als Paartherapeutin in meiner Privatpraxis in Berlin Mitte und Online. Mein Fokus liegt auf der Förderung einer gesunden emotionalen Kommunikation und der Stärkung einer sicheren Bindung. Hier könnt ihr mehr über mich erfahren.

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Raus aus der toxischen Beziehung – Dein Weg in ein freies Leben

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Warum ängstliche Menschen vermeidende Partner:innen wählen