Warum ängstliche Menschen vermeidende Partner:innen wählen
Bindungsdynamiken verstehen: Warum Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil oft Partner:innen mit einem vermeidenden Bindungsstil wählen
Die Verbindung zwischen einem ängstlichen Bindungsstil und einem vermeidenden Bindungsstil ist kein Zufall – sie hat tiefe psychologische Wurzeln. Diese Dynamik ist in der Bindungstheorie als eine häufige und paradoxe Paarung bekannt, die jedoch mit zahlreichen Herausforderungen verbunden ist. Aber warum passiert das?
Die Anziehung der Gegensätze: Welche Beziehungstypen ziehen sich an?
Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil sehnen sich intensiv nach Nähe, Sicherheit und emotionaler Verbindung. Auf der anderen Seite streben Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil oft nach Autonomie und Distanz, weil ihnen Nähe schnell unangenehm wird.
Dieser Gegensatz kann anfangs faszinierend wirken:
Der ängstliche Part fühlt sich von der scheinbaren Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des vermeidenden Partners angezogen.
Der vermeidende Part mag die Hingabe und das Engagement des ängstlichen Partners, solange die Nähe nicht zu überwältigend wird.
Diese Gegensätze wecken oft unbewusst das Gefühl, dass der andere das „ergänzt“, was einem selbst fehlt.
Bekannte Muster aus unseren Beziehungen mit den Eltern werden wiederholt
Menschen suchen unbewusst nach Beziehungsmustern, die ihnen aus ihrer Kindheit vertraut sind – selbst wenn diese schmerzhaft waren.
Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil hatten oft Bezugspersonen, die inkonsistent waren: manchmal präsent, manchmal abwesend. Diese Unsicherheit wurde zur „Normalität“. In einer Beziehung mit einem vermeidenden Partner wird dieses Muster wiederholt, da dieser ebenfalls emotional unbeständig und schwer erreichbar ist.
Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil wuchsen oft in Umgebungen auf, in denen emotionale Nähe als bedrohlich oder überwältigend empfunden wurde. Ein ängstlicher Partner, der Nähe sucht, aktiviert unbewusst dieselben alten Schutzmechanismen: Rückzug und Distanz.
Diese Beziehung bietet beiden Partnern die Möglichkeit, ihre ungelösten Kindheitsthemen erneut zu durchleben – in der Hoffnung, diesmal ein anderes Ergebnis zu erzielen.
Das Bindungssystem wird aktiviert
In der Dynamik zwischen ängstlichen und vermeidenden Partnern wird das Bindungssystem auf beiden Seiten stark aktiviert:
Der ängstliche Partner interpretiert die Distanz des vermeidenden Partners als Zeichen von Ablehnung oder fehlender Liebe. Das verstärkt sein Bedürfnis nach Nähe und Bestätigung.
Der vermeidende Partner fühlt sich durch das intensive Nähebedürfnis des ängstlichen Partners überwältigt und zieht sich noch weiter zurück.
In der Paartherapie wird dieses Muster – das sogenannte „Verfolgungs-Rückzugs-Muster“ – hält beide Partner in einem Kreislauf aus Nähe und Distanz gefangen, der schwer zu durchbrechen ist.
Entdecke deinen Beziehungstyp – für erfülltere Beziehungen
Dein Beziehungstyp prägt, wie du in Partnerschaften handelst und fühlst. Wenn du ihn kennst, verstehst du besser, warum du bestimmte Muster wiederholst – und wie du sie verändern kannst.
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Bindungsangst und fehlende Intimität auf beiden Seiten
So paradox es klingt: Menschen mit einem ängstlichen und einem vermeidenden Bindungsstil haben oft eine gemeinsame Angst vor echter emotionaler Intimität, äußern diese jedoch unterschiedlich:
Der ängstliche Partner klammert sich an Beziehungen, weil er tief im Inneren Angst hat, dass er alleine nicht genug ist.
Der vermeidende Partner hält Distanz, weil er tief im Inneren Angst hat, von anderen enttäuscht oder überwältigt zu werden.
Beide suchen also nach Nähe, aber auf eine Art und Weise, die den anderen zurückstößt.
Die Hoffnung auf Veränderung
Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil hoffen oft, dass ihre Liebe und Hingabe den vermeidenden Partner „heilen“ und ihm zeigen können, wie schön Nähe sein kann. Auf der anderen Seite hofft der vermeidende Partner manchmal, dass der ängstliche Partner lernt, weniger abhängig und fordernd zu sein.
Diese Hoffnung hält die Beziehung oft länger aufrecht, als sie gesund ist, auch wenn beide Partner unter den wiederkehrenden Konflikten leiden.
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Risiken und Chancen dieser Dynamik
Risiken:
Chronische Frustration: Der ängstliche Partner fühlt sich oft zurückgewiesen, während der vermeidende Partner sich bedrängt fühlt.
Emotionaler Stress: Beide Partner befinden sich in einem ständigen Kreislauf aus Nähe und Rückzug, was auf Dauer erschöpfend sein kann.
Eskalierende Konflikte: Die gegenseitigen Bedürfnisse werden nicht erfüllt, was zu Spannungen und Missverständnissen führt.
Chancen:
Diese Dynamik muss jedoch nicht zwangsläufig destruktiv sein. Wenn beide Partner bereit sind, an sich selbst und ihrer Beziehung zu arbeiten, kann dies eine Chance zur Heilung sein:
Selbstreflexion: Beide Partner können ihre eigenen Bindungsmuster und Ängste besser verstehen und daran arbeiten.
Kommunikation: Offene Gespräche über Bedürfnisse und Ängste können helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen.
Paartherapie: Eine Paartherapie oder bindungsorientierte Einzelsitzungen können dabei unterstützen, gesündere Beziehungsmuster zu entwickeln.
Die Beziehung zwischen einem ängstlichen und einem vermeidenden Partner kann sowohl herausfordernd als auch transformierend sein. Sie erfordert ein hohes Maß an Bewusstsein, Geduld und Bereitschaft, an den eigenen Mustern zu arbeiten.
Wenn beide Partner erkennen, dass ihre Bindungsstile keine unveränderliche „Persönlichkeit“ sind, sondern dynamische Muster, die sich entwickeln lassen, können sie lernen, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen und eine Beziehung aufzubauen, die nicht auf Angst, sondern auf Vertrauen basiert.
Wichtig zu betonen: Allerdings gibt es auch Fälle, in denen zwei Menschen trotz Bemühungen nicht zueinander passen. Ihre Dynamik kann so herausfordernd sein, dass sie gegenseitige Heilung erschwert. In solchen Situationen kann es mit einem anderen Partner, der besser zu den eigenen Bedürfnissen und Herausforderungen passt, leichter sein, sich zu entwickeln und zu einem sicheren Bindungs - Blueprint zu finden.“